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Die 7 Hindernisse: Daran krankt der digitale Gesundheitsmarkt


Der deutsche Gesundheitsmarkt ist so wenig digitalisiert wie kaum eine andere Branche – trotz riesiger Potenziale für Versorgung und Wirtschaftlichkeit. Das sind die Gründe, warum Digital Health-Lösungen ausgebremst werden – noch.

Weltweit über 100.000 Health-Apps zeigen: Möglichkeiten zur technischen Überwachung der eigenen Gesundheit treffen bei immer mehr Menschen einen Nerv. Wenn sie fundiert und nutzerfreundlich sind, schaffen digitale Dienste informiertere und selbstbestimmtere Patienten, die kleinen Wehwehchen selbst vorbeugen und an Behandlungen aktiv mitwirken können.

Nicht nur deshalb ist der Gesundheitsmarkt prädestiniert für ein digitales Update: Die Systeme der Aktenführung und Datenübermittlung sind veraltet und wirtschaftlich ineffizient, die rechtlichen Bestimmungen hinken den technologischen Möglichkeiten weit hinterher. Der deutsche Gesundheitsmarkt ist in vielen Bereichen noch kaum digitalisiert.

Ein Grund für den Innovationsstau: Die Rahmenbedingungen im stark regulierten Gesundheitsmarkt sind extrem komplex. Während in anderen Branchen disruptive Geschäftsmodelle „von der Seitenlinie“ etablierte Unternehmen förmlich hinwegfegen, haben es digitale Neuerer hier deutlich schwerer, sich zu entfalten. OPEN insights zeigt die wichtigsten Innovationsbremsen, erste Erfolgsbeispiele – und warum der digitale Gesundheitsmarkt dennoch kommen wird.

1. Stakeholder in einem fragmentierten Markt blockieren Neuerungen

Was für ein komplexes Konstrukt der Gesundheitsmarkt ist, zeigt sich bereits bei alltäglichen Dienstleistungen – etwa, eine Person zu Hause mit einem Pflegebett zu versorgen, nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Erstaunlich viele Akteure sind daran beteiligt, diese von außen relativ einfach erscheinende Aufgabe abzuwickeln: Klinik, Krankenkasse, Arzt, Sanitätshaus, Pflegedienst, Logistiker.

In der Versorgung mit medizinischen Hilfsmitteln – und zu denen zählt das Pflegebett für zu Hause – konkurrieren allein in Deutschland etwa 5000 Sanitätshaus- und Orthopädietechnikunternehmen mit durchschnittlich 12 bis 20 Mitarbeitern. Langfristig ist für solch kleinteilige Strukturen kein Platz. Die Konsolidierung wird sicher langsamer verlaufen als in weniger regulierten Märkten, doch der Druck zur Konzentration wird die Landschaft auch im Gesundheitswesen zweifellos verändern. Für die Markteintrittschancen digital basierter Geschäftsmodelle kann weniger Fragmentierung nur vorteilhaft sein.

2. Betriebsblindheit: Das erfolgreiche „Kerngeschäft” trübt den Blick für Innovationspotenziale

Die heute etablierten Healthcare-Dienstleister – klassische KMU – sind regional bestens vernetzt und, solange die Erstattungen durch die gesetzliche Krankenversicherung fließen, durchaus profitabel. Mit Innovation und Digitalisierung tun sie sich aber schwer. Prozesse und Strukturen sind mehr darauf abgestellt, ihre Position zu verteidigen, als sie konstruktiv in Frage zu stellen. Dieses Phänomen gibt es nicht nur in der Gesundheitsbranche. In einem trägen Markt ist die Gefahr jedoch noch größer, notwendige Entwicklungen zu verschlafen.

Zudem fehlt den Branchenunternehmen ein funktionierendes Ökosystem von Impulsgebern und innovativen Partnern, um digitale Dienste aufzubauen. Bei den meisten wird schon die Pflege der eigenen Homepage zum lästigen „Problem“. Über den Aufbau eines professionellen und zeitgemäßen Marketings wird gar nicht erst gesprochen.

Hier können Kooperationen die Unternehmen entscheidende Schritte voranbringen. In Berlin brachte die Wirtschaftsförderungsinitiative „Start-up meets Grown-up“ den Prothesenhersteller Otto Bock und das Technologie-Start-up Botspot zusammen. Erste Versuche, Botspots neuartiges Scanverfahren in der Prothesenversorgung anzuwenden, verliefen vielversprechend – für beide Partner. Das ist der Stoff, aus dem Geschichten für die Unternehmenskommunikation werden.

3. Regularien und Zulassungsverfahren würgen Innovationen ab

Start-ups im Gesundheitsbereich brauchen einen langen Atem – und eine stabile Finanzierung. Denn der Weg in den Markt führt über komplizierte Regularien und langwierige Zulassungsverfahren. Die benötigten Evidenznachweise für die Aufnahme in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen etwa sind extrem zeitraubend – und ständig droht die Gefahr, währenddessen von der Entwicklung auf dem Markt überholt zu werden.

Für Med-Apps ist der Weg in die Regelversorgung der Krankenkassen besonders weit. Die geltenden Regularien erfassen Softwarelösungen schlicht nicht als medizinische Hilfsmittel und der Gesetzgeber zeigte sich bisher eher zögerlich, für neue Bewertungsstandards zu sorgen. Immerhin: Seit Ende 2015 gibt eine erste Orientierungshilfe des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) Entwicklern etwas mehr Planungssicherheit. Auch das E-Health-Gesetz und die zunehmenden Anstrengungen, die Telemedizin für das Erstattungswesen fassbar zu machen, sind deutliche Anzeichen dafür, dass der Startschuss zur Digitalisierung des Arzt-Patienten-Verhältnisses gefallen ist.

Wie es gehen kann, zeigt das Start-up Sonormed mit der Medical App „Tinnitracks“, die Tinnituspatienten per Smartphone durch den Alltag hilft. Nach gescheiterten ersten Markteintrittsstrategien und Expertenstreits über die Wirksamkeit der Methode ging Sonormed gezielt zu der als fortschrittlich geltenden Techniker Krankenkasse und vereinbarte einen Individualvertrag. Andere Krankenkassen folgten.

4. Rigide Datenschutzbestimmungen – Patientenrecht vs. Patienteninteresse?

Patientendaten sind in Deutschland besonders geschützt. Das wird häufig als Innovationshemmnis kritisiert, hält aber oft genug auch als Ausrede für eine generell mäßig verbreitete Innovationslust her. Es stimmt: Die Anforderungen an Datensicherheit und Datenschutz sind hoch. Das kann aber auch für ein Mehr an Akzeptanz sorgen.

Das Berliner Unternehmen DocCirrus will schon jetzt den faktisch erstarrten, unter wenigen Platzhirschen aufgeteilten Markt für Arztpraxissoftware aufmischen. Über einen Datenserver in der Arztpraxis werden vernetzte Kommunikation, Wartung über die Cloud und erhöhte Sicherheitsanforderungen zusammengebracht. Auch wenn DocCirrus bei der Marktverbreitung gerne weiter wäre: Eine Vertrauensbasis in die technologische Lösung – vielleicht der wichtigste Schritt für den Durchbruch – ist gelegt.

5. Politische Partikularinteressen gehen auf Kosten der Erneuerung  

Wo öffentliche Gelder ausgegeben werden, sind Interessenvertreter nicht weit. Im Gesundheitsmarkt fordern neben Politikern und Wirtschaftslobbyisten diverse Berufs- und Sozialverbände sowie die Vereinigungen der Kostenträger ihr Mitspracherecht ein. Bestenfalls verzögert die Suche nach dem goldenen Kompromiss eine sinnvolle Entwicklung, schlimmstenfalls wird Neues bis zur Unkenntlichkeit entstellt oder gleich ganz zu Tode debattiert.

Ein Paradebeispiel politisch verkorkster Innovation ist bislang die elektronische Gesundheitskarte (eGK). Sie soll die Basis für eine zukunftsfähige Gesundheitsverwaltung schaffen. Wer sich 2009 für das Vorhaben begeistern konnte, fragt sich heute, warum auf dem eGK-Chip zwar Versichertenstatus und Wohnort gespeichert sind, aber noch nicht einmal ein Allergieprofil. Die Probleme, einen Konsens zum Umgang mit den Versichertendaten zu finden, sind so groß, dass Patienten zwar seit Oktober 2016 einen Medikationsplan vom Arzt verlangen können, wie es das E-Health-Gesetz vorschreibt – allerdings auf Papier. Auf der eGK soll er nun ab 2019 abgelegt werden.

Unternehmen, die darauf gesetzt haben, dass die eGK einen Standard für die digitale Verarbeitung von Patientendaten etabliert, läuft die Zeit davon. Denn die Konkurrenz macht längst Nägel mit Köpfen: Das Start-up Vitabook etwa bietet mit seinem „Gesundheitskonto” eine lebenslange Rundum-Patientenakte, die – so der Nutzer will – alle Informationen über den Patienten enthält. Und ja, auch einen Medikationsplan.

6. Die Mär von den technikfernen Zielgruppen

Ein Klassiker, der Digital Health-Unternehmen von Skeptikern immer wieder entgegengeworfen wird: Gerade die wichtigen Zielgruppen der Älteren und Multimorbiden seien doch viel zu technik- und internetfern für derartige „Spielereien”.

Wer heute noch so denkt, sollte sich Gedanken über sein Kundenverständnis machen. Denn mittlerweile ist das Mediennutzungsverhalten ein ziemlich eindrucksvoller Indikator dafür, dass die Zeit für breit angelegte digitale Geschäftsmodelle im Gesundheitsmarkt spielt. Der „Silver Surfer“ ist schon heute kein Randphänomen mehr. Besonders über Tablets nutzen immer mehr Senioren digitale Dienste zur Unterhaltung, zur Kontaktpflege oder um sich zu informieren. Sie trainieren ihre körperliche wie geistige Beweglichkeit mit Fitness-Apps und Gehirnjogging-Programmen. Wir werden keine Generation mehr warten müssen, bis die „Alten” für Digital Health bereit sind.

7. Der Investor, der sich nicht traut

Der Healthcare-Sektor gilt nicht nur aufgrund der demografischen Entwicklung als einer der Zukunftsmärkte überhaupt. Dennoch engagieren sich erst wenige Investoren wirklich massiv. Das hat Gründe: Weil der Großteil des B2C-Umsatzes an Erstattungen der gesetzlichen Krankenkassen gebunden ist, sind die Ertragsaussichten unsicher – und zudem politischen Veränderungen unterworfen. Wer mit seinen Angeboten in den kleineren, wenn auch wachsenden Selbstzahlermarkt geht und die Herausforderung annimmt, über bessere Qualität zu punkten, wird oft soziokulturell ausgebremst: Die über Jahrzehnte gelernte Anspruchshaltung, Gesundheitsversorgung müsse kostenfrei bzw. durch die Krankenversicherung gedeckt sein, lässt rechnerische Potenziale in der Realität schnell schrumpfen

Fazit

Die Hürden, die es zu überwinden gilt, um im deutschen Gesundheitsmarkt mit neuen, innovativen oder sogar disruptiven Ansätzen Fuß zu fassen, sind immer noch hoch und geeignet, manchem Jungunternehmer den Nerv zu rauben. Die größte Herausforderung, die starke Regulierung, wird auf absehbare Zeit bestehen bleiben – bei so sensiblen Themen wie Gesundheit und Datenschutz zumindest teilweise zu Recht.

Doch die steigende Lebenserwartung und Fortschritte in der Medizin werden die Gesundheitskosten weiter steigen lassen. Und da die Finanzierungstöpfe sich nicht im gleichen Maße vergrößern können, müssen Gesetzgeber, Kassen und Patienten ihr Heil früher oder später in Produktivitätsgewinnen und Effizienzsteigerungen suchen. Das schreit nach Digitalisierung – und die Digitalisierung wird kommen. Auch im Gesundheitsmarkt.

Illustration: Sandy Braun/OPEN insights, Quelle: Shutterstock

Anton C. Kunze beschäftigt sich mit Kunst, leitete Online-Projekte und kam als Interimsmanager bei Beratungskunden zu dem Thema, das ihn bis heute beschäftigt: die Entwicklung und Umsetzung neuer Geschäftsmodelle, insbesondere im Healthcare-Sektor.

 

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